Cirali offenbart sich auf den ersten Blick als
eine wunderschön gelegene, große Orangenplantage. Ein Bild von dieser grandiosen
Naturkulisse könnte man problemlos ohne Retusche für einen Reisekatalog
verwenden. Etwa 80 Kilometer südwestlich von Antalya gelegen, vielleicht
ein bisschen verwunderlich, bietet die Landschaft zwischen Antalya und dem
nur 30 km entfernten Kemer doch häufig in Strandnähe reichlich Betonklötze
mit zehn und mehr Stockwerken, die nicht unbedingt den Geschmack eines Naturliebhabers
treffen. Anfang der achziger Jahre verschlug es die ersten Touristen hierher,
die zumeist mit dem Rucksack unterwegs waren. Zu dieser Zeit war Cirali
nur durch eine sich etwa sieben Kilometer in engen Serpentinen windende,
holprige Staubpiste mit dem Rest der Welt verbunden. Waren die vielen Kurven
erst einmal überwunden, wurde der Liebhaber einsamer Strände mit einem außergewöhnlich
schönen Rastplatz belohnt - ideal zur Erholung auf der Entdeckungsreise
durch die Türkei. Hotels oder Pensionen gab es hier noch nicht, also
machte man dieses Idyll damals stellenweise einfach zum "wilden" Zeltplatz.
Wer diese einsame und naturbelassene Bucht abseits von dem sich an der Mittelmeerküste
der Türkei immer stärker entwickelnden Massentourismus entdeckte,
konnte wohl zu recht als "Insider" bezeichnet werden. Beim Austausch der
Berichte über Reiseerlebnisse und Erfahrungen der Gleichgesinnten vor Ort
wurde man deshalb häufig noch auf manchen weiteren „Geheimtipp” aufmerksam
gemacht. Oft sind Urlaubsparadiese dieser Art schon nach wenigen Jahren
nicht mehr wiederzuerkennen, denn ist die Tourismus-Branche mit ihrem Geschäftssinn
erst einmal darauf aufmerksam geworden, können sich die Verhältnisse sehr
schnell ändern. In Cirali sind solche nachteiligen Veränderungen erfreulicherweise
kaum eingetreten. Wenn sich mancher "Veteran" über das im Lauf der Zeit
deutlich gestiegene Preisniveau ärgert, so liegt das in erster Linie daran,
daß man gerne mit Preisen von anno dazumal vergleicht und liebäugelt...

Vor ein paar Jahren ist die staubige Buckelpiste
zur mittlerweile allerdings kaum weniger holprigen Asphaltstrasse ausgebaut
worden. Für den Einkauf des täglichen Bedarfs gibt es inzwischen mehrere
kleine Lebensmittelläden am Dorfeingang. Am Strand entlang reihen sich einige
Restaurants, die mit dem landestypischen Angebot an Gerichten aufwarten.
Was Unterkünfte angeht, hat man die Auswahl zwischen einer ganzen Reihe
von Pensionen und ebenso einige kleine Hotels. Manche davon sind relativ
luxuriös eingerichtet und können durchaus auch hohe Ansprüche erfüllen.
Seinem Ruf als Oase der Ruhe, mit gebührendem Abstand zum lauten Tourismus-Getöse
an der teilweise monströs ausgebauten türkischen Riviera, wird der kleine
Ort bei dieser sanften Entwicklung also immer noch gerecht. Jeder Türkei-Kenner,
der das Land kreuz und quer bereist hat, wird einem bestätigen, daß es außer
der Bucht von Cirali und der Nachbarbucht von Adrasan nicht mehr viele Flecken
am Mittelmeer gibt, die so schön gelegen und trotzdem vom Massentourismus
verschont geblieben sind.
Zu verdanken hat man das nicht zuletzt auch einem Projekt
des WWF zum Schutz eines hier regelmäßig zur Eiablage erscheinenden Meeresbewohners.
In den neunziger Jahren entdeckten nämlich Umweltschützer vom WWF den Strand
von Cirali als Nistplatz der weltweit massiv vom Aussterben bedrohten
"Caretta Caretta" Meeresschildkröte. Es wurden Aktivisten türkischer Naturschützer
ins Dorf geschickt, um ein Projekt für sanften, nachhaltigen Tourismus in
Zusammenarbeit mit den Einwohnern zu entwickeln. Dieses am Anfang von den
einheimischen "Dörflern" häufig belächelte und zum Teil auch nicht besonders
akzeptierte Vorhaben, lief von 1997 bis 2000. Nachdem aber das Projekt einigermaßen
überraschend in Japan Preisträger bei der UN-Organisation HABITAT wurde
- als Modell für künftige Entwicklung an der Mittelmeerküste der Türkei
- änderte sich allerdings diese Einstellung sehr schnell.
Heute sind die Bewohner von Cirali gehörig
stolz darauf, diese Auszeichnung erhalten zu haben und man achtet mittlerweile
auf "seine" Caretta Caretta ganz ohne Bezahlung selbst. Im Mai 2004 errichtete
der Naturschutzverein von Cirali direkt am Strand sein neues Büro. Hier
laufen alle Fäden bei Bayram Kütle, dem Chef der Schildkrötenbeobachter,
zusammen. Bayram ist außerdem der Sprecher der örtlichen Bauernkooperative,
die sich trotz dem in der Gegend üblichen Glashausanbau der biologischen
Landwirtschaft verschrieben hat. Nur natürlicher Dünger und natürliche Pflanzenschutzmittel
kommen dabei zur Anwendung. So wurde Cirali inzwischen vom türkischen Staat
mit dem 'Qualitätssiegel für BIO-Produkte' sogar eine weitere Auszeichnung
verliehen. Sanfter Tourismus und biologische Landwirtschaft existieren einmütig
nebeneinander - es geht also auch ohne Verschandelung und Zerstörung der
Natur. Leider sind Beispiele wie Cirali heutzutage viel zu selten geworden.